Hauswirtschaft: Pflegeeinrichtung oder Hotel?

Hauswirtschaft - Pflegeeinrichtung oder Hotel

Man muss nicht den alten und hinkenden Vergleich vom Pflegeheim mit einem Kreuzfahrtschiff bemühen („Für den Preis buche ich im Alter lieber eine Kreuzfahrt!“). Wir alle wissen, welch umfassende Leistungen die Refinanzierung der Pflegeeinrichtungen beinhaltet, und dass pflegebedürftige Menschen auf einer Kreuzfahrt wohl kaum adäquat versorgt wären. Einen wichtigen Aspekt aber macht dieser viel zitierte Spruch deutlich: Unter welchen Gesichtspunkten Einrichtungen der Altenpflege auf den ersten Blick beurteilt werden, wenn die Pflegeleistungen selbst noch nicht zu Tage treten.

Gerade Angehörige nehmen Pflegeeinrichtungen oft ähnlich wahr wie Hotels: Ist es hier sauber? Wie riecht es? Sind die Leute freundlich? Sieht das Buffet ansprechend aus? Sie verlassen sich auf ihre Sinneseindrücke und ihre eigenen Erfahrungen – und bewerten darüber quasi Hotelmanagement, Rezeption, Zimmermädchen. Diese Faktoren sind auch für Menschen, die von Pflege nichts verstehen, leicht zu beurteilen.

Mit der Quote von 50 Prozent examinierten Pflegefachkräften werden die Einrichtungen den behandlungspflegerischen Leistungen sowieso gerecht. Im Leistungsspektrum der stationären Versorgung sind ca. 10 Prozent behandlungspflegerische Leistungen (Verbände, Medikamentengaben usw.) sowie ca. 20 Prozent grundpflegerische Leistungen (Unterstützung bei bzw. Übernahme von hygienischen Maßnahmen, Körperpflege usw.) auszumachen. Somit verbleiben ca. 70 Prozent bei den „Hotel-Leistungen“ wie Betreuung und Unterhaltung, Mahlzeitenversorgung, Reinigung der Wohnflächen und der Ausstattung, Wäscheversorgung oder Hausmeisterarbeiten.

Mit diesem Anteil kommt den hauswirtschaftlichen Leistungen neben der Pflege daher eine entscheidende Rolle zu – gleichzeitig wird darauf mitunter am wenigsten geachtet. Dahinter steckt die Haltung, unter „Pflege“ allzu oft vor allem Krankenpflege zu verstehen: Verbände, Medikamente, vielleicht noch gepflegte Nägel entsprechen einer guten Versorgung – der Rest ist quasi „Beiwerk“. Ich meine, dass wir uns verabschieden müssen von dieser Vorstellung, dass Krankenpflege das „allein selig machende Gut“ ist.

Denn die Wahrnehmung von Angehörigen und Bewohnern ist eine andere und verschiebt sich zunehmend: Natürlich muss die Qualität der Behandlungs- und Grundpflege stimmen – davon dürfen sie ausgehen. Darüber hinaus ist ihnen und den Bewohnerinnen und Bewohnern aber wichtig, dass das Essen schmeckt, dass die Wäsche richtig sortiert zurückkommt, dass es eine Alltagsbegleitung gibt, dass sich Bewohner auf die Kuchentafel oder einen Ausflug freuen können. Wollen wir nur annähernd dem Anspruch gerecht werden, dass eine stationäre Einrichtung Individualität und „normales“ Leben möglich machen soll, müssen wir zu einer ganzheitlichen Versorgung – mehr noch einem ganzheitlichen Lebensansatz – kommen. Dies wird sich auch auf das Selbstverständnis der Pflegebedürftigen auswirken: „Ich bin zwar eingeschränkt, aber man kümmert sich hier nicht nur um die pflegerischen, sondern um alle meine Belange.“

Um konkurrenzfähig zu sein und erfolgreich am Markt zu bestehen, geht es für Pflegeeinrichtungen daher auch darum, die Qualität der Rahmenbedingungen zu erhöhen. In diesem Zusammenhang halte ich es auch für notwendig, die bereits begonnene Diskussion über die Höhe der Fachkraftquote und deren Ausgestaltung – sind ein Koch, eine Diätassistentin, eine Hauswirtschaftsleiterin oder qualifizierte Therapeuten nicht auch „Fachkräfte“? – mit Nachdruck fortzuführen.

In den Serviceleistungen – und ihrer Gleichstellung mit den pflegerischen Leistungen – liegt das größte Potenzial. Gerade in diesen Bereichen kann jede Pflegeeinrichtung leicht und mit vergleichsweise kleinem finanziellen Einsatz einen großen Unterschied machen: Ein liebevolles Anrichten der Mahlzeiten, ein angenehmer Raumduft, ein frischer Strauß Blumen am Empfang (gerade der Einfluss von Pflanzen auf die Lebensqualität ist wissenschaftlich belegt). Vor allem aber das Bewusstsein für den Wert dieser Dinge.

Schon kleine Veränderungen können so das Wohlbefinden der Bewohnerinnen und Bewohner sowie der Angehörigen steigern. Nicht zuletzt drücken sie Wertschätzung für die Einrichtung und die Leistung der Mitarbeitenden aus. – DR